Spuren eines Lebens – Volkstrauertag

Der Graben

Mutter, wozu hast du deinen aufgezogen?
Hast dich zwanzig Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
Bis sie ihn dir weggenommen haben.
Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
Alte Leute, Männer, mancher Knabe
in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
für das Grab, Kamraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen
spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen –
das ist dann der Dank des Vaterlands.

Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
übern Graben, Leute, übern Graben –!

(Kurt Tucholsky)

Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Eintrag „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, da hab ich in einem Kommentar an Christa von dem Fund einer Eintrittskarte für die Bayreuther Festspiele für einen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg in einem alten Buch berichtet, und gemeint, das wäre mal einen Eintrag wert.

Und zum heutigen Volkstrauertag fand ich ihn passend.

Das war das Buch, das ich auf einem Trödelmarkt erworben hatte

mit diesem kleinen Heft dabei

Und darin befand sich das hier

Als ich es aufschlug, zeigte es mir diesen Inhalt:

Eine Eintrittskarte für die Bayreuther Festspiele, mit Datum vom 30. Juli 1944.

Wen es interessiert, ich habe mal ein bissel recherchiert über die damligen Festspiele

http://www.grin.com/de/e-book/230533/die-bayreuther-festspiele-im-dritten-reich

hier müßt ihr bissel scrollen zu den Infos, und das noch

https://de.wikipedia.org/wiki/Bayreuther_Festspiele

Die obige Aufführung der Eintrittskarte war wohl eine der letzten Vorstellungen im 2. Weltkrieg.

Es lag noch mehr dieser Eintrittskarte bei

und dieses noch:

Das Heftchen, in dem diese Karten und Formulare enthalten waren, sah so aus:

aus dem weiteren Inhalt mach ich jetzt mal eine kleine Vorschaugalerie, einfach das erste Bild anklicken, dann habt ihr alles in groß und lesbar.

Wir haben damals im Kommentar darüber nachgedacht, ob die Opernkarte wohl eingelöst worden ist, oder ob es dazu nicht mehr gekommen ist, ich vermute, die Aufführung ist nicht besucht worden, weil der Abrißabschnitt noch an der Karte vorhanden ist. Deshalb fand ich den Volkstrauertag als Anlaß für diesen Eintrag so passend, denn es wäre denkbar, daß der Soldat, dem diese Karte gehörte, zum Zeitpunkt der Aufführung vielleicht schon nicht mehr lebte. Ich hoffe aber sehr, daß es andere Gründe für einen verpaßten Besuch gab und er den Krieg überlebt hat.

Spuren eines Lebens! Wieviele Leben sind in zwei Weltkriegen und in unzähligen anderen Kriegen sinnlos zerstört und vernichtet worden und werden es heute noch! Daran will der Volkstrauertag erinnern, aber man sollte es nicht beim erinnern in der Vergangenheit belassen, sondern gerade heute wieder einmal mehr denn je vor allem mahnen:

WEHRET DEN ANFÄNGEN!

Denn immer noch gilt „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, ein Zitat von Bertold Brecht. Das hat uns die letzte Zeit wieder sehr deutlich und drastisch vor Augen gehalten.

Der Krieg ist nicht „der Vater aller Dinge“ sondern die Wurzel allen Übels!!!

Mein Großvater war im ersten Weltkrieg, mein Vater im zweiten Weltkrieg. Mein Vater hat seine ihm aufgezwungene Soldatenzeit gehaßt, er war aus tiefstem Herzen Pazifist. Er hat in keinem Menschen seinen „Feind“ gesehen, und das hat er ganz tief sowohl bei mir als vor allem später bei meinem Sohn ins Herz geprägt, und der Tag, an dem mein Sohn den Wehrdienst verweigert hat und Zivildienstleistender geworden ist war für ihn ein großer Freudentag!

Anläßlich dieses Eintrag habe ich mal wieder in meiner Familien-Bild-Chronik gesucht, und laß nun einfach mal Bilder sprechen.

Mein Großvater mütterlicherseits und ein Großonkel, Bruder meiner Großmutter, als Soldaten

Mein Vater und sein Bruder im 2. Weltkrieg

auf dem unteren Bild ist mein Vater hinter seinem Bruder, auf dem rechten Bild hinten mein Vater mit seinem Hauptmann im Feld 1940.

links mein Vater

 ganz rechts an der Türe mein Vater

Mein Vater ganz links

am Flak-Geschütz

Zuhause haben Eltern um ihre Söhne, Geschwister um die Brüder und Kinder um ihre Väter gebangt, wenn sie denn dann mal auf „Heimaturlaub“ waren, versuchte man alle Ängste wenigstens eine Zeit lang zu verdrängen.

 

Der Bruder meiner Großmutter, mein Großonkel, mit Hundchen und seinem kleinen Sohn.

Heimaturlaub! Links ist meine Patentante, die Schwester meines Vaters, der Soldat rechts ist der älteste Bruder meines Vaters, neben meiner Patentante steht seine Frau und daneben mein Großvater väterlicherseits, der Vater des Soldaten.

Der Bruder meines Vaters mit links und rechts seinen Schwestern und seiner Frau.

Weitere Heimaturlaubsbilder

Auch Hochzeiten fanden im Krieg statt

eine Cousine meiner Mutter bei ihrer Hochzeit mitten im Krieg.

Alle die hier gezeigten Meinen haben Gott sei Dank den Krieg überlebt! Mein Vater ist schwer verwundet worden, dank eines großartigen Sanitäters im Lazarett ist sein rechter Arm nicht steif geblieben, und so konnte er nach russischer Gefangenschaft wieder zurückkehren ins Leben und zu den Seinen.

Dafür wird Leben gezeugt, nicht zum sterben auf den Schlachtfeldern dieser Welt

sondern um jung zu sein und sich zu verlieben und das kostbare Leben weiter zu geben! Meine Eltern im Juli 1946.

Und auf der Verlobungsfeier der jüngsten Schwester meines Vaters Pfingsten 1949

zweite Reihe von unten ganz rechts sind meine Eltern, ein Mädel daneben das Verlobungspaar.

Wir können uns alle glücklich schätzen, daß wir in unserem Land seit 72 Jahren in Frieden leben können und dürfen, ich wünsche mir, daß wir alle dazu beitragen, daß das so bleibt! Damit uns weitere Kriegsgräber wie diese hier aus dem zweiten Weltkrieg vom Liricher Friedhof hier bei mir

erspart bleiben. Es ist an der Zeit!

Und mit diesem Lied, „Es ist an der Zeit“, ein Lied von Hannes Wader, basierend  auf dem von Eric Bogle komponierten Lied No Man’s Land (The green fields of France), der dieses im Jahre 1976 nach einer Tournee in Frankreich schrieb. Die Soldatengräber in Nordfrankreich und Flandern hatten ihn so bewegt, dass er kurz darauf dieses Lied schrieb. Eric Bogle ist in Schottland geboren, lebt aber seit über 30 Jahren in Australien und ist seit 1982 Australier.  (Quelle: Wikipedia) 

Ich habe eine Fassung gewählt, in der Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker gemeinsam singen.

http://www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/dann-machs-gut/es-ist-der-zeit

Ich wünsche euch allen einen guten, friedlichen Sonntag!